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KI, Gipfel und Realität – Gedanken eines Technologienerds am Morgen

Mi., 18/02/2026 - 9:42pm by heckpiet

Heute Morgen beim ersten Kaffee lief im Deutschlandfunk das Interview mit Bundesdigitalminister Karsten Wildberger vom KI-Gipfel in Neu-Delhi (https://impact.indiaai.gov.in). Ich habe zugehört – nicht mit politischem Reflex, sondern mit technischem. Wer selbst reinhören oder nachlesen möchte, hier die Quellen:

https://www.deutschlandfunk.de/ai-gipfel-neu-delhi-interview-bundesdigitalminister-karsten-wildberger-cdu-100.html

https://download.deutschlandfunk.de/file/dradio/2026/02/18/ai_gipfel_neu_delhi_interview_bundesdigitalminister_karsten_dlf_20260218_0509_f0fe88ae.mp3

Ich will das ausdrücklich nicht als Parteibashing verstanden wissen. Mich interessiert weniger, wer etwas sagt, sondern was technisch dahintersteht. Ich bin kein Projektleiter, kein Strategieberater. Ich bin eher der klassische Technologienerd. Ich denke in Architekturen, Reifegraden, Systemabhängigkeiten. Und genau aus dieser Perspektive bleibt bei mir nach so einem Interview nicht das politische Framing hängen, sondern die Frage: Wie sieht eigentlich unser Fundament aus?

Ich glaube tatsächlich, dass Deutschland im KI-Bereich gute Chancen hat. Wir werden die USA nicht überholen, wenn es um Geschwindigkeit, Kapital und Effizienz geht. Und wir werden China nicht übertrumpfen, wenn es um Skalierung und Hardwaretiefe geht. Das ist realistisch. Aber wir sind auch nicht irrelevant. Mit Unternehmen wie Black Forest Labs und anderen aufstrebenden Akteuren entsteht hier echte Substanz. Forschung ist stark, industrielle Kompetenz ist vorhanden, und wir sind traditionell gut darin, Technologie in produktive Prozesse zu übersetzen.

Unsere Rolle wird nur eine andere sein. Nicht die lauteste. Nicht die größte. Sondern – wenn wir es klug anstellen – die technologisch belastbare und vertrauenswürdige.

Natürlich ist Regulierung ein Faktor. Datenschutz, Compliance, Dokumentationspflichten – das alles kostet Geschwindigkeit. Aber es ist nicht per se ein Fehler im System. Wir werden in Europa vermutlich nie das deregulierteste KI-Ökosystem haben. Das ist schlicht nicht unser Modell. Die USA werden Effizienz liefern, China Größe. Europa muss Qualität und Verlässlichkeit liefern. Nur: Qualität entsteht nicht durch Ankündigungen, sondern durch technologische Reife.

Und da wird es aus meiner Sicht spannend – und ein bisschen unbequem.

Wir reden über KI-Strategien, Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig haben wir Prozesse, die digitalisiert, aber nie wirklich digital gedacht wurden. Daten liegen verteilt, Systeme sind historisch gewachsen, Schnittstellen sind nachträglich angebaut. Das ist keine moralische Kritik, sondern eine nüchterne Zustandsbeschreibung.

KI ist ein Verstärker. Und ein Verstärker verstärkt das, was vorhanden ist.

Wenn die technologische Basis fragil ist, verstärkt KI diese Fragilität.

Wenn Prozesse inkonsistent sind, verstärkt KI diese Inkonsistenz.

Wenn Datenqualität schwach ist, produziert KI schneller schlechte Ergebnisse.

Ein schlechter Prozess wird durch KI nicht gut. Er bleibt schlecht – nur schneller und teurer.

Deshalb glaube ich, dass wir weniger über KI als Zielbild und mehr über unseren Technologiereifegrad sprechen müssen. Nicht Cloud-Strategien im engeren Sinne, nicht einzelne Tools, sondern die grundlegende Frage: Wie modern, wie integriert, wie standardisiert und wie belastbar ist unsere IT-Landschaft insgesamt? Wie konsistent sind unsere Datenstrukturen? Wie gut sind unsere Systeme miteinander verzahnt? Wie wartbar, wie skalierbar, wie sicher sind unsere Architekturen?

Wenn im Interview davon gesprochen wird, dass man sich an Ergebnissen messen lassen möchte, dann finde ich das gut. Aber als Technologienerd denke ich sofort: Welche Kennzahlen? Woran machen wir Fortschritt konkret fest? Am Gefühl? An der Anzahl von Strategiepapiere? Oder am messbaren Technologiereifegrad unserer Systeme?

In der Industrie ist es völlig normal, Reifegradmodelle zu verwenden. Man bewertet den Status quo, definiert Zielzustände und arbeitet sich strukturiert nach oben. Warum nicht auch auf staatlicher Ebene systematisch den technologischen Reifegrad erfassen? Nicht als bürokratische Zusatzübung, sondern als ehrliche Standortdiagnose. Wie hoch ist die Integrationsfähigkeit unserer Systeme? Wie standardisiert sind Prozesse? Wie konsistent ist Datenhaltung? Wie resilient ist die Infrastruktur? Und ja, wie weit sind wir wirklich in der praktischen Nutzung moderner Technologien – jenseits von Pilotprojekten?

Ich habe manchmal das Gefühl, wir wollen zur KI springen, bevor wir sauber laufen gelernt haben. Wir diskutieren über Optimierung, ohne Stabilität sicherzustellen. Wir reden über Souveränität, ohne Plattformfähigkeit konsequent aufgebaut zu haben. Dabei wäre die Reihenfolge eigentlich logisch: Erst technologische Basis modernisieren, Prozesse standardisieren, Datenqualität erhöhen, Sicherheitsarchitekturen stärken – und dann KI als Multiplikator einsetzen.

Das klingt weniger spektakulär als ein internationaler Gipfel. Aber es ist nachhaltiger. KI ist kein "Zauberstaub", den man über bestehende Systeme streut. Sie ist ein Werkzeug. Und Werkzeuge funktionieren nur so gut wie das Material, auf das sie treffen.

Ich wünsche mir deshalb weniger "KI-Romantik" und mehr "technologischen Realismus". Weniger Schlagzeilen, mehr Architekturdiskussion. Weniger Hype, mehr ehrliche Analyse unseres Technologiereifegrads. Wenn wir diese Basis ernsthaft angehen, dann haben wir eine echte Chance, zwischen Effizienz-Amerika und Skalierungs-China eine eigenständige Rolle einzunehmen – nicht als größter oder schnellster Player, sondern als technologisch stabiler und belastbarer Standort.

Und vielleicht liegt genau darin unsere eigentliche Stärke?!

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